DAS SAGEN MEINE KLIENT:INNEN

GESCHICHTEN AUS AUFSTELLUNGEN

  • Familie Berger wollte sich einen großen Hund anschaffen. Die Adoption vom Züchter war schon organisiert, der Name bestimmt und die Kinder freuten sich. Ich schlug meiner Freundin vor, dass wir uns das mal systemisch anschauen. Kaum hatten wir den Hund im Familiensystem „aufgestellt“, setzte er sich direkt an die Stelle des Vaters - einfach so, ganz eigenständig. Daraus wurde klar: der Hund füllt hier eine Lücke im Familiensystem. Und er gehört definitiv nicht an diese Position, wenn ein gesundes und funktionierendes Familiensystem gewahrt werden soll.

    Letztendlich haben sich die Bergers nach der Aufstellung für einen ruhigeren Hund entschieden, der von seinem Charakter her viel besser zur Familie passt. Spannend zu sehen, wie stark selbst ein Hund im Familiensystem wirkt.

  • Die Beziehung zu ihrer erwachsenen Tochter brachte Irene an den Rande der Verzweiflung. Zwischen den beiden gab es fast ausschließlich Stress und Verletzungen, trotz vieler Bemühungen der friedlichen Annäherung. In der Aufstellung kam heraus, dass Irenes erstes Kind abgetrieben wurde. Dadurch stand die Tochter im Familiensystem nie an ihrem tatsächlichen Platz der Zweitgeborenen. Im gemeinsamen Prozess stellten wir die natürliche Ordnung ihrer (auch ungeborenen) Kinder wieder her. 

    Am nächsten Tag meldete sich Irene bei mir - bewegt und überrascht: Ihre Tochter hatte sich von sich aus gemeldet. Das Gespräch war ruhig, verbunden und so offen, wie schon lange nicht mehr.

  • Über mehrere Wochen hinweg kämpfte ich mit anhaltendem Schwindel. Medizinisch ließ sich nichts Konkretes feststellen. Dennoch war mir schnell bewusst: Etwas möchte gesehen werden.

    In einer kurzen Aufstellung haben wir dem Symptom im systemischen Feld Raum gegeben. Ohne Analyse, ohne Geschichte, nur mit der Frage: „Was steht hier eigentlich nicht stimmig?“

    Am nächsten Morgen war der Schwindel verschwunden. Und er ist bis heute nicht zurückgekehrt. Manchmal ist ein Symptom kein Fehler des Körpers, sondern ein sehr präziser Hinweis auf eine Unordnung im System.

  • Ein Thema begleitete Max jahrelang: Schuld. Immer wieder in seinem Leben kreiste alles um ein äußeres Scheitern, das er nicht loslassen konnte.

    In der Aufstellung kam der Ursprung dieses Gefühls ans Licht. Der Schmerz entstand bereits während der Geburt durch den Verlust seines Zwillings. Manchmal schauen wir sehr lange auf die sichtbare Wunde. Der Ursprung des Schmerzes liegt jedoch an einem Ort, wo noch nie hingeschaut wurde.

  • Manchmal entstehen innere Konflikte nicht aus dem eigenen Leben, sondern aus einer Verschiebung der Ordnung im Familiensystem.

    So erlebte ich es bei einer Klientin, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist. Ihr Vater war politisch kritisch und geriet dadurch unter staatliche Beobachtung. Aus Angst vor Repressionen gab er seinen eigentlichen Lebenstraum auf. Dieses nicht gelebte Leben und das damit verbundene Trauma blieben im System wirksam. 

    Unbewusst übernahm der ältere Bruder diese Last und stellte sich innerlich an die Stelle des Vaters. Er verließ damit seine Rolle als Kind und nahm eine Vaterfunktion ein.

    Für meine Klientin zeigte sich das später in einem tiefen, kaum erklärbaren Konflikt mit ihrem Bruder. Auf systemischer Ebene war deutlich: Nicht ein persönlicher Streit war die Ursache, sondern eine gestörte Reihenfolge. Der Bruder stand „zu groß“, der Vater innerlich zurückgenommen und so war die natürliche Ordnung verloren gegangen.

    In der systemischen Arbeit wird sichtbar, wie solche Verstrickungen entstehen und wie heilsam es ist, wenn jede Person wieder ihren eigenen, stimmigen Platz im Familiensystem einnehmen darf.

  • Eine Kollegin  kam zu mir in eine Business-Aufstellung. Sie fragte mich vorab, ob sie ihren Mann mitbringen dürfe. Ich stimmte zu mit der Bitte, dass er am Rand Platz nimmt, zuhört und einfach da ist.

    Nach der Aufstellung fragte ich ihn, wie es für ihn gewesen sei. Er antwortete ehrlich, dass er mit Aufstellungsarbeit selbst wenig anfangen könne und dennoch habe ihn etwas tief berührt. Dann sagte er einen Satz, der hängen blieb:

    Seine Frau wolle sich selbstständig machen. Und wenn er das Leuchten in ihren Augen sehe, wisse er, dass sie das Richtige tue. Ob sie damit erfolgreich sei oder nicht, spiele für ihn keine Rolle. Wichtig sei nur, dass sie es mache.

    Für mich ist das eine wunderbare Metapher für echte Unterstützung: Wenn wir im Kontakt mit unserem Gefühl sind, trauen wir unserem Partner seinen Weg zu. Dann braucht es keine Kontrolle, keine Absicherung, keine Garantie auf Erfolg. Lediglich Vertrauen in die innere Wahrheit des anderen.

    Genau darum geht es in meiner Arbeit: Räume zu öffnen, in denen Menschen wieder spüren, was für sie stimmig ist.

  • In einer Gruppenaufstellung stand eine Stellvertreterin für die Klientin im Feld.

    Ich legte der Stellvertreterin drei schwere Aktenkoffer auf die Arme. Dazu kam ein großer Stein. Ihre Arme waren ausgestreckt und unter normalen Umständen hätte sie das nicht halten können. Und doch sagte sie fast fröhlich: „Das kann ich halten. Das kann ich halten.“

    Mich hat dieser Moment tief beeindruckt. Nicht wegen der körperlichen Kraft, sondern wegen dem, was hier sichtbar wurde. Die Stellvertreterin war innerlich nicht mehr ganz im Körper und konnte so diese große Last scheinbar mit Leichtigkeit tragen.

    Ein Zustand, den viele Menschen kennen, die früh gelernt haben, zu viel zu tragen. Oftmals für andere Menschen aus ihrer Familie, beispielsweise für die eigene Mutter.

    So können Lasten gehalten werden, die eigentlich nicht haltbar sind. Nicht durch Stärke, sondern durch ein inneres Wegtreten.

    Genau das zeigt die Kraft von Aufstellungsarbeit: Selbst eine Stellvertreterin kann sichtbar machen, was im System wirkt. Ohne die Geschichte zu kennen.